Wolfgang Büld ist ein ungewöhnlicher Fall. In jungen Jahren machte der Mann aus Lüdenscheid vorwiegend durch Punk-Filme auf sich aufmerksam, tourte mit den Sex Pistols und widmete sich auch sonst der Subkultur. Während seine Kommilitonen im Kino Mainstream oder Kunst genossen, delektierte er sich an Jess Franco, Russ Meyer & Konsorten. Außerdem trank er mit Klaus Lemke (dessen ROCKER in ihm den Wunsch nährte, Filmemacher zu werden) und Eckhard Schmidt die Münchner Leopoldstraße leer. In den 80ern bekam er einige „Neue deutsche Welle“-Produkte zugeschanzt, die er heutzutage mit durchaus gemischten Gefühlen sieht. Nach DER TRIP (mit Dieter Thomas Kuhn!) und einigen anderen Kommerzprodukten hatte er dann endgültig Schnauze voll mit Rosenkohl und wendete sich dem Kino zu, das er eigentlich machen wollte: Exploitation pur!
War es dem Regisseur in PENETRATION ANGST noch sichtlich darum gegangen, alle Abwegigkeiten, derer er habhaft werden konnte, in einen einzigen Film zu packen, so präsentiert sich sein neuestes Werk, LOVESICK (im Vorspann: SICK LOVE), als sehr viel generischerer Thriller. Die Story dreht sich um eine junge Britin, Julia (Fiona Horsey), die mit einem Metal-Musiker namens Istvan liiert ist. Dieser Schlingelant ist nicht gerade das, was sich Mutti als perfekten Schwiegersohn vorstellt, aber im Bett besitzt er Überzeugungskraft. Was Wunder, daß Julia, um die Koksprobleme ihres Galans zu stillen, nicht nur einen Job versieht, sondern gleich deren zwei. Und mit dem zweiten hat sie sich ein echtes Kuckucksei ins Nest gelegt, denn ihr Chef ist der schwer neurotische Mamasohn O'Ryan (Paul Conway), dessen Probleme in sexueller Hinsicht von beeindruckender Komplexität sind. Per Laptop tauscht er eindeutige Zweideutigkeiten mit Frauen aus, die sich „Golden Showers“ nennen. „Treffen angenehm“, wie es so schön heißt. Bei einem dieser Treffen gerät Julia an den ihr zutiefst unsympathischen Exzentriker, und da sie im Begriff steht, ihren Job in O'Ryans Hotel zu verlieren, wanzt sie sich an ihren liebeshungrigen und volltrunkenen Boß heran und gaukelt ihm Liebe vor. Zwar schafft sie es zunächst noch, ihn auf Distanz zu halten, doch als er eines Betäubungsmittels habhaft wird, kennt seine Libido keine Geschmacksgrenzen mehr: Hose auf und Videokamera raus! Durch einen dieser dummen Zufälle bekommt Julia aber spitz, daß sie Opfer eines Perversen geworden ist. Statt die Polizei zu rufen, dreht sie den Spieß um. Wie sich herausstellt, hätte sie sich besser an die Bobbys wenden sollen, denn der Fluch der bösen Tat ereilt sie im Sauseschritt...
Es ist kaum zu erwarten, daß der „film-dienst“ mit Bülds neuestem Opus warm werden wird, denn spekulative Elemente gibt es in LOVESICK zuhauf. Das Schöne daran ist, daß Büld sich nicht im mindesten für diese zu genieren scheint – kein kunstgewerbelnder Schnickschnack in Sicht, der ein Alibi für verklemmte Intellektuelle darstellen könnte. „Hier bin ich Schwein, hier darf ich sein!“ ruft uns der Film zu und besitzt damit exakt jene zwielichtige und im besten Sinne dubiose Qualität, die auch Sex-Gialli und andere Exploitation-Kanonen der 70er Jahre auszeichnete. Gegenüber PENETRATION ANGST stellt der Film einen deutlichen Fortschritt dar. War P-A noch Bülds deutliche Kampfansage an das „geschmackvolle“ Hochglanzkino, mit der er auch eigene mißliche Erfahrungen abarbeitete, so funktioniert LOVESICK auch jenseits des Trash-Sektors und konfrontiert den Betrachter mit Charakteren, denen man im wirklichen Leben eigentlich nicht so recht begegnen möchte. Fiona Horsey ist ein Traum von Frau, hat es aber faustdick hinter den Brüsten: Während ihre Julia zu Anfang lediglich als Opfer sexueller Hörigkeit erscheint, das sich gut verstellen kann, um die Schwächen ihrer Umwelt auszunutzen, entwickelt sie sich in Rekordzeit zur derben Erpresserin und nutzt auch ihren Metal-Galan eiskalt aus. O'Ryan ist eine arme Wurst, der sich mit einer wahren Horrorvorstellung von Mama herumplagen muß, suhlt sich aber dermaßen hemmungslos und respektlos im Schmutz, daß auch seine Psyche mehr als löcherig wird. Istvan, der koksende Metaller, ist eine durchweg schwächliche Figur, die zunächst die eigene Freundin ausnützt und um ihren Zaster betrügt, aber zu dumm ist, um mit der Heruntergekommenheit der anderen Charaktere mithalten zu können. Merkt Ihr was? Alle Figuren sind kaum dazu geeignet, sich mit ihnen zu identifizieren – böse Menschen, wohin man blickt. Da fühlt man sich selber richtig gut und sauber, lehnt sich zurück im Chefsessel und knabbert Salzgebäck. Daß dieser kleine Einblick in Lebenslinien, die sich hoffentlich niemals mit der eigenen überkreuzen mögen, hinhaut, liegt nicht nur am ordentlichen Handwerk Bülds, sondern auch an seinem Entschluß, die Story vergleichsweise ruhig anzugehen. Statt des Trash-Dauerfeuerwerks von PA setzt es hier eine unterkühlt erzählte Geschichte, deren Exzesse dem staunenden (und teilweise angewiderten) Auge des Zuschauers klinisch genau dargelegt werden, wie das einer Geschichte, die in einer schmutzigen Welt spielt, auch geziemt. Besonders gegen Ende tritt dieser wunderbare „Ich möchte eigentlich mal duschen“-Effekt ein, den man auch aus bestimmten Franco-Filmen kennt, die ja häufig ebenfalls in einer sittlich verwahrlosten Welt spielen. Büld möchte uns dabei keine Moral unterjubeln – er zeigt einfach, was da so passiert. Und das ist nicht immer schön. Das ist sogar recht selten schön. Die Besetzung von BAMBI darf man jedenfalls nicht erwarten... Jau, hat mir gefallen!
LOVESICK - SICK LOVE has been picked up to be distributed by Epix Media for Germany and by Redemption Films for the UK.